Im Ghetto Riga

  • Entsetzen bei der Ankunft im Ghetto

„Als wir nun im Ghetto eintrafen boten sich uns grauenhafte Bilder. In diesem Ghetto wohnten, bevor wir kamen, lettische jüdische Familien. Von den ewa 40.000 hat man vor unserer Ankunft bis auf ca. 4000 alle umgebracht. Wir sahen noch die Blutlachen. Die Tische waren zum Teil noch gedeckt. Man sah, dass die Menschen ganz plötzlich aus dem Leben herausgerissen worden waren. Die Wohnungen waren ganz durchstöbert, denn schließlich hatten die Herren ja auch Interesse daran, sich an den Wertsachen zu bereichern.

Ihr könnt Euch denken, mit welchem Entsetzen und Angstgefühlen wir dies alles in uns aufnahmen. Täglich rechneten wir auch mit einer solchen Aktion, denn jetzt erkannten wir, dass wir zu diesem Zwecke nach dem Osten geschafft wurden.

 

Auf den Warntafeln an den Ghettozäunen stand in deutscher und polnischer Sprache:

 

Auf Personen, die den Zaun überschreiten oder den Versuch machen, durch den Zaun mit den Insassen in Verbindung zu treten, wird ohne Anruf geschossen.

 

  • Lebensbedingungen und Überlebensstrategien im Ghetto

Nur der damaligen Kriegslage können wir es verdanken, dass wir noch am Leben sind. Riga wurde die Zentrale der Frontlieferungen für den Osten, und so fanden viele von uns dort Beschäftigung. Allerdings, die nicht Arbeitsfähigen brachte man ums Leben. Man suchte Menschen beim Appell aus und transportierte sie unter dem Vorwand, anderweitig zu arbeiten, ab. So verschwanden die Menschen, und niemals sah oder hörte man wieder etwas von ihnen.

Sehr viele Transporte gingen nach Riga, kamen aber nie im Ghetto an. Man sprach im Geheimen davon, denn das Weitergeben solcher Gerüchte, selbst wenn sie wahr waren, unterlag auch der Todesstrafe. Die Beweise dafür hatten wir immer, wenn die Kleider dieser Menschen dann in die Kleiderkammer kamen, wo die Sachen sortiert wurden und von wo die guten Kleider usw. wieder nach Deutschland zurück gingen.


Sehr groß war der Hunger im Ghetto. Die Zuteilungen waren so gering, dass viele Hungers starben. Anfangs gab es gar nichts zu essen. Da schlich man sich in die noch unbewohnten lettischen Häuser, was auch sehr gefährlich war, und suchte nach allem Möglichen. Gefundene Kartoffeln waren gefroren, aber das machte nichts, wir aßen sie doch. Kinder und auch Große durchwühlten die Komposthaufen und suchten allen Dreck zusammen. Dass die Menschen dann Krankheiten und Ausschläge u.s.w. bekamen, blieb nicht aus. Das Durchsuchen der lettischen Häuser nach Lebensmitteln und Kleidern nannte man "Requirieren". Und so gingen alle und durchstöberten diese Häuser. Eines Tages wurde ich und noch einige andere von der lettischen SS hierbei gefasst. Man nahm uns die Sachen ab und verschlug uns, und wir dankten Gott, dass wir noch mit dem Leben davongekommen waren. So ging man einige Tage nicht hin bis der Hunger uns dazu trieb, doch wieder zu gehen. Bedroht war man im Ghetto ja ständig, sogar des Nachts brachen die lettischen SS-Leute, die uns größtenteils bewachten, in den Häusern ein, vergewaltigten Mädels und Frauen, auch Jungens, und beraubten sie dann noch der Kleider u.s.w.

Unser Kommandant war ein deutscher Obersturmführer, auch sein Adjutant war aus Deutschland. Diese konnten Menschen auch ohne Grund rücksichtslos erschießen, denn es waren richtige Bluthunde.

 

Als wir so einige Wochen im Ghetto verbracht hatten, teilte man die Leute in verschiedene Arbeitskommandos ein. Und nun gingen viele Gruppen zur Wehrmacht und teils zur SS arbeiten. Dort gab es oft Gelegenheit, etwas zu klauen, welches wir "Organisieren" nannten. Auch konnte man Wäsche und Kleider, die man in den lettischen Häusern "requiriert" hatte, gegen Lebensmittel bei den dort beschäftigten lettischen arischen Arbeitern tauschen und mitbringen. Beides war natürlich verboten, und so konnte man die Sachen nur unter Todesgefahr ins Ghetto herein tragen. Täglich wurden Leute bei den Kontrollen erwischt und dann erschossen oder erhängt.

Selbst dass man uns alle an den Erhängten als Abschreckungsmittel vorbeiführte, konnte uns nicht dazu bringen, es zu unterlassen. Schließlich war es ja auch ganz gleich, wie man sein Leben aufs Spiel setzte. Der Hungertod wäre uns sicher gewesen, hätten wir nichts mit nach Hause gebracht. - Eine milde Strafe war bei kleinen Vergehen, dass man den Frauen die Haare abschnitt. Dann mussten sie am Eingangstor stehen, wenn wir abends nach Hause kamen. Es sah entsetzlich aus, aber es wirkte nicht als Abschreckungsmittel.

Unsere Ernährung bestand aus verstunkenen Fischköpfen, Rhabarberblättern, Weißkohlabfall, verdorbenen kleinen Fischen, Brot in ganz kleinen Mengen. Kartoffeln gab es nie, nur die "organisierten".

Später arbeitete ich in einer Molkerei, da ging es uns dann etwas besser. Milch habe ich dann immer etwas mitgebracht, aber auch nur versteckt. Ich trug kleine Säckchen an einem Gürtel, unter dem Kleid gebunden, sodass man es nicht sehen konnte. Aber mit Herzklopfen ging ich immer ins Ghetto rein. Auch schon beim Verlassen der Molkerei wurden wir kontrolliert. Als ich dann einige Zeit in der Molkerei gearbeitet hatte und schon etwas bekannt wurde mit den lettischen Arbeiterinnen, fing ich auch an, verschiedene Sachen zum Tauschen mitzunehmen.

Und so gelang es mir dann, dass ich besser für die lieben Eltern sorgen konnte und auch für Joseph, der nun sehr krank von Salaspils zurück war. Wochenlang lag er krank, und als er sich dann wieder einigermaßen fühlte, arbeitete er im Innendienst im Ghetto.

Die Verwaltung des Ghettos lag in jüdischen Händen, natürlich unter ständiger Kontrolle des Kommandanten. Jede Gruppe hatte einen Ältestenrat, in der Kasseler Gruppe war es der Transportleiter Dan Blättner. Dessen Frau kennt Ihr auch, eine Alice geb. Heinemann. Sie hatten in Kassel eine Fellhandlung. Ihre Mutter war auch mit im Ghetto. Über allen Gruppen stand ein Ältester, dieser war ein Herr Leiser aus Köln. Dann hatte jede Gruppe einen Arbeitseinsatz, welcher die Leute seiner Gruppe zu den Arbeiten einteilte, je nach den Fähigkeiten. So lief das Leben 2 Jahre lang mit öfteren "Abwechslungen" wie zu Anfang ausgeführt!

Meine Arbeitszeit in der Molkerei dauerte ziemlich ein Jahr. Hier habe ich allerdings die meiste Kraft meiner Nerven eingebüßt, denn die ständigen Kontrollen waren sehr aufregend. Andererseits war ich glücklich, meinen Leuten, in der Hauptsache den Eltern, zusätzlich etwas nach Hause zu bringen. Außerdem gab ich Kleinkindern und Kranken täglich von der mitgebrachten Milch. Später kam ich in andere Kommandos, auch hier war immer Gelegenheit, etwas mit ins Ghetto zu bringen.

Dann kam von Berlin der Befehl, das Ghetto Riga zu liquidieren, und so begann man schon im Sommer 1943 mit der Auflösung der kleineren Kommandos. Viele arbeitslose Menschen sandte man nach dem KZ-Lager Kaiserwald bei Riga.

Von einem Kommando, wo ich bei der SS Kartof-feln schälte, brachte ich die Schalen mit. Aber ich wagte nicht einmal eine Kartoffel drin zu lassen, weil wir dort nach der Arbeit gleich kontrolliert wurden. Die Schalen haben wir dann tüchtig ge-waschen und sie dann zu Speisen verwandt. Wir drehten sie durch die Mühle und machten Reibe-plätzchen davon, aber ganz ohne Fett. Im Ghetto hatten wir in den Häusern ja Gelegenheit, selbst zu kochen.

Unser Vater machte, weil er schon 75 Jahre alt war, Hofdienst. Das war nicht so schwer, aber er musste immer da sein, selbst wenn das Wetter noch so schlecht war. Die Mutter hat im Haushalt gearbeitet und dazu noch Kinder betreut. Also, jeder musste arbeiten, sonst war bei dem nächsten Vernichtungstransport - als solche hatten wir sie nun schon erkannt - die Person fällig.

Arbeitskommando auf dem Weg zur Zwangsarbeit
Arbeitskommando auf dem Weg zur Zwangsarbeit

  • Liquidierung des Rigaer Ghettos

Man fürchtete nun dauernd, dass eine große Veränderung eintreten würde, und so kam es dann auch. Am 2. November 1943 ging morgens nur ein Kommando aus dem Ghetto zur Arbeit, dieses nannte sich A.B.A. - Armeebekleidungsamt. Alle anderen waren im Ghetto geblieben. Es kam eine Menge lettische SS und trieb die Menschen aus den Häusern heraus auf einen großen Appellplatz. Dort standen viele Lastwagen und mit Maschinengewehren und Pistolen bewaffnete SS. Außerdem war auf dem Platz anwesend der Kommandant mit noch einigen deutschen SS-Leuten.

Jetzt wurden die Menschen wahllos genommen. Von unseren Verwandten gingen mit diesem Transport: Unsere lieben Eltern, Josephs Schwester Berta mit Mann, Selma Wertheim, die Frau von Aron aus Kassel, die Frau von Max Wertheim aus Niedenstein, Licci mit Tochter und Mutter, Frau Lion aus Kassel. Weiter: Meier Wertheim mit Frau, der Sohn von Onkel Mendel, Bertha Höchster mit Mann und Sohn - sie war die Tochter von Tante Rosalie aus Kirchhein (Hatzbach) - und dann noch sehr sehr viele gute Bekannte. Kleine Kinder kamen restlos weg, nur einigen Eltern gelang es, sie gut zu verstecken. Es war grauenhaft abends zurück in die Wohnungen zu gehen. Die SS hatte auch da wieder alles durchstöbert und geklaut, was nur möglich war. An Schlafen in den darauf folgenden Nächten war gar nicht zu denken.

Emma, die Schwester von Bertha Höchster, die früher in Hof wohnte, arbeitete bei dem A.B.A. Sie kam abends nach der Arbeit ganz entsetzt zu uns und blieb dann auch bei uns, bis wir gemeinsam am 6. November mit der Kasernierung A.B.A. zum Mühlgraben bei Riga gingen.

 

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