Sklavenarbeit im Kommando A.B.A.

  • Mit dem  A.B.A. in Mühlgraben bei Riga

Diese Kasernierung wurde von einem Unteroffizier der Wehrmacht, welcher dann unser Kommandant war, geleitet und unterstand dem KZ-Lager Kaiserwald. Ich muss aber bemerken, dass dieser Wehrmachtssoldat in der Behandlung den Juden gegenüber oft schlimmer war, als ein SS-Mann. Die Arbeit bei dem Armeebekleidungsamt (A.B.A.) war folgende:

Sämtliche Militärkleidung von den Toten der östlichen Schlachtfelder kam nach Riga. Dort wurde sie begast, von uns sortiert, gewaschen und wieder instand gesetzt, sodass sie wieder ausgabefähig war. Es wurden enorme Leistungen verlangt, und es gab wirklich jeder sein Bestes. Dies trug auch viel dazu bei, dass sich diese Kasernierung am längsten hielt. Allerdings, Aufregungen blieben trotz der schweren Arbeit auch hier nicht aus: Nach kaum 5 Monaten holte man die damals am 2. November durch Verstecken geretteten Kinder ab und brachte auch diese ins Ungewisse. Es war grauenhaft, diese Szenen immer mitzuerleben, und dann erinnerten sie auch wieder daran, was wohl mit unseren eigenen Kindern geschehen sein mochte.

Dieser Gedanke quälte uns ja ständig, denn wir waren doch unterrichtet, dass in Holland auch alle Juden deportiert wurden. Man ersann immer neue Schikanen gegen uns: Erst bekamen die Männer die Köpfe kahl geschoren. Dann schnitt man ihnen nur einen breiten Streifen in der Mitte des Haares. Dann im Juni 1944 bekamen alle Frauen und Mädchen die Haare kahl abgeschoren. Im Monat Juli war wieder etwas anderes: Da kam ein Arzt von der SS Kaiserwald und suchte alle Kranken und Schwachen aus. Natürlich traf es auch viele Gesunde und Junge, wie es immer bei solchen Aktionen war. Menschen, die einen Bruch hatten, den sie sich infolge der schweren Arbeit bei dem A.B.A. zugezogen hatten, mussten natürlich auch mit fort. Hierbei gingen von unseren Verwandten: Emma Heiser, Aron Wertheim, Frieda Kaiser -die Frau von Baruch Kaiser (dies ist der Bruder von Berthas Mann) und Blättner mit seiner Frau. Die Schwiegermutter von ihm und sein Kind mussten am 2. November mit fort.

Im Rigaer Ghetto gefertigtes Medaillon mit Fotos der drei Kinder
Im Rigaer Ghetto gefertigtes Medaillon mit Fotos der drei Kinder

Das Leben ging weiter, aber man war in ständiger Angst, weil durch das Näherkommen der Front Riga in Gefahr war, und wir damit rechnen mussten, fortzukommen. Vor jeder Veränderung hatten wir große Angst. Im August wurde dann ca. die Hälfte unserer Leute abtransportiert. Anfangs waren wir ca. 1300 Menschen. Davon gingen Anfang 1944 ca. 200 Leute nach Grottingen in Litauen, ca. 120 mit der Krebsbach-Aktion, ca. 500 im August nach dem KZ-Lager Stutthof bei Danzig.

  • Mit dem A.B.A. nach Liebau

Im September war es dann soweit, dass Riga geräumt werden musste. Und so kam dann am 26. September der Rest auch nach dem KZ-Lager Stutthof - bis auf 200 Menschen. Zu diesen 200 Menschen gehörten auch wir. Wir haben noch einige Schiffe verladen und gingen dann mit dem A.B.A. nach Liebau, wo wir uns drei Tage bei größtem Sturm auf dem Wasser befanden. Es war wohl keiner dabei, der nicht seekrank war.

In Liebau waren wir dann 5 Monate. Hier gab es enorm viel Arbeit, wir mussten Schiffe be- und entladen. Oft hatte man drei Schichten mit je 12 Stunden, sodass man 36 Stunden, ohne zu schlafen, arbeiten musste. Hier hatten wir sehr schwere Fliegerangriffe, und wir erlitten auch Verluste. An einem Abend verloren wir 13 unserer besten Leute. In Gefahr waren wir hier ständig, bei Tag und bei Nacht. Ganze Lagerhallen der A.B.A. wurden bombardiert und gingen in Flammen auf.

  • Über die Ostsee nach Hamburg

Im Februar 1945 brachen wir in Liebau auf. Wir sollten mit dem Schiff nach Lübeck gebracht werden, um dort eine neue A.B.A. zu gründen. Sechs Tage fuhren wir mit einem Kohlendampfer auf der Ostsee unter schwerster Minen- und Luftgefahr. Es waren für uns auch komische Gefühle, nach Deutschland zurückzufahren! Schon auf dem Schiff erhielt unser Chef den Befehl, uns nach Hamburg zu bringen.

Als wir dort ankamen, wurden wir ins Gefängnis Fuhlsbüttel gebracht, also wieder der SS übergeben. Hier waren wir 6 Wochen. Die Männer gingen in die Stadt, um Aufräumungsarbeiten zu machen. Wir Frauen wurden mit 76 Personen in einem Haus, das normalerweise nur 36 Personen fasste, während der 6 Wochen eingesperrt und mussten Strümpfe für die Wehrmacht stopfen. Die Männer haben wir während dieser Wochen nicht gesehen.

 

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