Almosenkelch aus der Synagoge nach Jahrzehnten zurück in Burghaun

Von Elisabeth Sternberg-Siebert

Etwa Mitte September entdeckte ich im Internet die Abbildung eines speziellen Gegenstandes aus Burghaun, der bei einer Auktion in Jerusalem im Juni 2013 verkauft worden war, aber von dem Käufer, einem Kunsthändler, erneut angeboten wurde. Michael Ambinder in New York, Nachkomme von David und Jenny Nußbaum, die mit ihrer Familie einst in der Ringstraße wohnten, hat mich dankenswerter Weise auf dieses außergewöhnliche Objekt aufmerksam gemacht.

Die Rede ist von einem silbernen Spendengefäß aus der Burghauner Synagoge, welches am 13./14. November 1910 zur Einweihung des neuen Gotteshauses der jüdischen Ge-meinde vom Festausschuss gestiftet wurde.

 

Berichte von der Einweihung ð

Der Anblick der Spendenschale mit seiner an die Synagogenweihe erinnernden Inschrift hat mich geradezu elektrisiert und total in Aufregung versetzt, und ich war der festen Überzeugung, dass man versuchen müsse, dieses Stück für Burghaun zu erwerben. Die Gelegenheit dazu schien einmalig zu sein. Vor meinem geistigen Auge sah ich den Kelch schon im "Museum Haus Hölzerkopf" alle Blicke auf sich ziehen, und ich informierte umgehend unseren Bürgermeister Alexander Hohmann. Dieser war sofort Feuer und Flamme, und auch die zuständigen Gemeindegremien stimmten dem Ankauf des Spendengefäßes ohne langes Zögern zu und stellten dafür 2000 Euro bereit.

Natürlich war es nicht sicher, ob wir den Zuschlag erhalten würden, da es noch weitere Interessenten gab. Ich selbst habe mit dem Auktionshaus via Internet auf Englisch verhandelt, und es ist mir nach einigem Hin und Her gelungen, den Leiter der Auktion davon zu überzeugen, dass der Almosenkelch aus historischen Gründen in seinen Herkunftsort Burghaun zurückkehren sollte. So erhielt die Marktgemeinde Burghaun letztendlich den Zuschlag!

 

Da der Bürgermeister gerade im Urlaub weilte, als die Sendung aus Israel eintraf, musste die "charity box" zunächst noch ein paar Tage im Tresor der Gemeinde verbringen. Doch am Dienstag, dem 29. Oktober war es dann soweit, dass das Paket ausgepackt werden konnte. Die Umstehenden schauten gespannt zu, wie Herr Hohmann begann, den geheimnisvollen Gegenstand vorsichtig aus der Verpackung zu lösen. Würde die Beschreibung des Auktionshauses in Jerusalem zutreffen und das Gefäß die weite Reise unbeschadet überstanden haben? 

Und wirklich: Ein prächtiges, reich verziertes und etwa 23 Zentimeter hohes Silbergefäß, mehr als 100 Jahre alt, kam zum Vorschein. Andächtiges Staunen und Schweigen herrschte für eine Weile in der Amtsstube angesichts dieses glänzenden Zeugnisses jüdischer Kulturgeschichte in Burghaun, ehe man wieder zur alltäglichen Routine zurückkehren konnte.

Drei Inschriften zieren das Gefäß: Eine hebräische (Datum nach dem jüdischen Kalender in hebräischen Großbuchstaben: 13./14. Cheschwan  1910) und zwei deutsche. Letztere lauten:

„Zur Erinnerung an die Synagogen Einweihung Burghaun 13./14. XI. 1910

gestiftet vom Festausschuss.“


Vermutlich wurde der Kelch mit der eher kleinen Spendenschale während der täglichen Gebetsstunden benutzt. Der Synagogendiener (Schammes) reichte  den einzelnen Betern das Almosengefäß und ließ sie ihre Opfermünzen hinein legen, die später in einen größeren Behälter ausgeleert wurden.


Fotos: Malina Sternberg

Es ist nicht auszuschließen, dass es sich bei dem Spendenbehälter um den 1927 bei einem Einbruch in die Synagoge entwendeten "Almosenkasten" handeln könnte (Der Israelit vom 30. Juni 1927, http://www.alemannia-judaica.de/burghaun_synagoge.htm). Offen ist auch, wie das gute Stück nach Israel kam. Diesen spannenden Fragen wird man auf jeden Fall nachgehen. Ob sie zu beantworten sind, ist allerdings ungewiss, vorerst kann über die Geschichte des Kelches nur spekuliert werden.

Jedenfalls ist der Marktgemeinde Burghaun zum Ankauf des Silbergefäßes ausdrücklich zu gratulieren. Hat sie doch mit diesem Erinnerungsstück ein einmaliges und authentischen Exponat erworben, das in der zukünftigen Judaica-Abteilung im „Museum Haus Hölzerkopf“ in der Moorstraße  einen eindrucksvollen Blickfang darstellen wird. 

Einst hatte der Silberkelch seinen Platz in der Synagoge in der Ringstraße, und die Gottesdienstbesucher legten ihre Opfergaben hinein. In Zukunft kann dieses geschichtsträchtige Objekt natürlich nur im Burghauner Museum stehen und an die Synagoge und die ausgelöschte jüdische Gemeinde erinnern. Denn deren gerade mal 28 Jahre altes Gotteshaus ging in den Flammen des Judenhasses unter und brannte vor 75 Jahren am Morgen des 10. November 1938 bis auf die Außenmauern nieder. Jenes Tages hat die Marktgemeinde Burghaun auch in diesem Jahr wieder mit einer Feierstunde im Schlosshof am Sonntag, dem 10. November gedacht.

Bei dieser Gelegenheit konnte auch der Almosenkelch besichtigt werden.

Berichterstattung: