Die Familie Rosenstock - Teil II

5) Familie Nathan Rosenstock

Der älteste Sohn von Hesekiel und Hanchen Rosenstock, der Handelsmann Nathan Rosenstock (*1863), heiratete am 5. Juli 1892 in Nordhausen Henriette (Jettchen) Dessauer (*28.5.1862 in Ellrich), Tochter der verstorbenen Eheleute Seelig und Ester Dessauer. Zunächst lebte Nathan mit seiner Frau in Nordhausen, wo die beiden ältesten von vier Kindern zur Welt kamen: 

Else, geb. am 7.1.1895 in Nordhausen

Selmar, geb. am 30.1.1896 in Nordhausen

Dora, geb. am 14.8.1900 in Buchenau

Rosa, geb. am 7.7.1904 in Buchenau

Offensichtlich ist Nathan Rosenstock gegen 1900 mit seiner Frau Henriette und den Kindern Else und Selmar wieder zurück nach Buchenau gezogen. Die Familie wohnte in Buchenau zuerst im Haus Nr.16, später bis zuletzt im Haus Nr. 76 in unmittelbarer Nähe der übrigen Geschwister Rosenstock (Gastwirtschaft) in der heutigen Hermann-Lietz-Straße. Die Kinder von Nathan und Henriette wuchsen in Buchenau auf und besuchten die jüdische Volksschule in Eiterfeld, die mit Unterbrechungen bis 1933 bestand.

Nathan Rosenstock war in seiner letzten Lebenszeit sehr krank, er litt an Darmkrebs und einer Herzschwäche. Eine alte Buchenauerin erinnert sich daran, dass er bettlägerig war und dass man ihn sehr selten draußen auf der Straße gesehen habe: „Er lag nur im Bett, war immer krank im letzten Jahr. Er hat immer einen Hund vor dem Bett liegen gehabt.“ Am 6. Dezember 1932 starb Nathan Rosenstock, zwei Tage später wurde er auf dem jüdischen Friedhof in Burghaun begraben. Seine Witwe Henriette Rosenstock starb gut zwei Jahre nach ihm am 23. März 1935, sie wurde ebenfalls auf dem "guten Ort" in Burghaun zur letzten Ruhe gebettet.

Nathan Rosenstock, 1863 - 1932
Nathan Rosenstock, 1863 - 1932
Henriette Rosenstock, 1862 - 1935
Henriette Rosenstock, 1862 - 1935

  

Die ledigen Geschwister Rosenstock

Nathans Bruder Manchen (*1869) hatte den Handelsbetrieb des Vaters Hesekiel (Heß) Rosenstock mit Gastwirtschaft und Schlachterei übernommen. Mit ihm im Haus in der heutigen Hermann-Lietz-Straße 3 lebten seine Geschwister Helene (Lina, *1871), Feilchen (Fanny, *1873), Berta (*1879), Malchen (*1881) und Levi (*1885).

Stolpersteine
für die ermordeten Geschwister
Rosenstock  ...


Nathans Tochter Dora schilderte 1954 in Briefen an ihre Schwester Rosa in Darmstadt, die sich um die Angelegenheiten der sog. „Wiedergutmachung“ kümmerte, die frühere Lebenssituation der Geschwister Rosenstock. Über die Tanten berichtete sie:

 

„Tante Lina (Helene) war 27 Jahre bei einer Familie als Hausdame in Kassel, Tante Fanny (Veilchen) 30 Jahre in Nordhausen, ebenso Tante Berta.“ Wann die Tanten wieder nach Buchenau zurückgekehrt waren, weiß man nicht, vermutlich aber in den 1920er Jahren. Weiter schrieb Dora: „Unser Onkel Manchen mit Geschwistern war immer in guten Verhältnissen. Umsonst wurde er nicht der Baron genannt. Derselbe hatte einen Großviehhandel, Metzgerei, Obstversandtgeschäft, Güterhandel und Gastwirtschaft, welches die Buchenauer auch bestätigen können.“ Am Schluss einer Aufstellung über das gesamte Inventar des Anwesens Nr. 81 fasst Dora zusammen: „Alles in Allem: das Haus war ein reiches Haus, und was ich Dir da aufstelle, entspricht der Wahrheit, denn jeder Gegenstand wird mir immer vor Augen bleiben.“

 

Wenn auch Dora in ihrer Erinnerung an die Verwandten hinsichtlich deren Wohlhabenheit etwas übertrieben haben mag, so kann man insgesamt aufgrund von verschiedenen Zeugenaussagen davon ausgehen, dass die Geschwister Rosenstock vor 1933 durchaus gut situiert und eingerichtet waren und dass Doras Einschätzung zutrifft:

 

„Die Metzgerei ging gut, der Obst- und Grundstücksverkauf hat Verdienste eingebracht, und auch die Gastwirtschaft ging gut. Nachdem aber der Antisemitismus anfing, hörte alles auf und den Onkels und Tanten ging es schlecht. Die Buchenauer, am meisten Familie Leister, können das auch bestätigen.“ So war bei Doras Auswanderung 1934 die Geschäftslage bereits so beeinträchtigt, dass sich aufgrund der Hetze durch einen gewissen Herrn F. „schon kein Buchenauer mehr ins Haus getraute.“

 

Novemberpogrom 1938

Ein besonders schlimmes Erlebnis kam dann mit der Reichspogromnacht vom 10. November 1938 auf die Juden zu. Eine frühere Buchenauer Nachbarin erinnert sich, dass Banditen von der SA die Fenster eingeschmissen haben, ins Haus eingedrungen sind und die Rosenstocks im Haus tyrannisiert haben. Den Lärm und das Wehgeschrei hätte man bis auf die Straße und bis zu ihnen gehört, es sei ganz schrecklich gewesen. Ihre Mutter, die krank zu Bett lag, hätte geweint, ihr Vater auch, aber aus Angst hätte niemand gewagt, etwas dagegen zu unternehmen. „Wer wollte denn gegen die SA an, der wäre sofort eingesperrt worden, wäre sofort in das Lager gekommen.“ Und auf die Frage nach den Verbrechern: „Das waren Einheimische, das weiß ich, dass das Einheimische waren. Die waren alle nicht so jung, da waren auch schon Ältere dabei. Die SS war hier in dem Spiegelschloss (eine dort einquartierte SS-Abteilung), aber die haben nichts gemacht. Die haben Rosenstocks nichts gemacht. Wir hatten vor der SA mehr Angst als vor der SS.“ Ansonsten hätten die Nachbarn den Rosenstocks in der Notzeit durchaus geholfen – ihnen bei Dunkelheit etwas zugesteckt, ein paar Eier, Milch usw., wie das auf den Dörfern so üblich war.

 

Mit Wirkung vom 1. Januar 1939 musste Manchen Rosenstock gemäß Nazi-Verordnung seinen Betrieb endgültig schließen. Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, mussten die Geschwister Grundstücke verkaufen und ihre Ersparnisse verbrauchen. „Einkaufen konnten sie noch bei Frau Baumgart“, erinnert man sich in Buchenau. „Die hatte ein Kolonialwarengeschäft, da haben sie gekauft. Das weiß ich, ich war oft drin, als sie da gekauft haben“.

Zu den Alltagssorgen gesellte sich schwere Krankheit. Am 20. Mai 1940 verfasste Berta ihr Testament, in dem sie an ihre Geschwister schrieb: „Wir stehen alle in Gottes Hand, und da ich leider sehr krank bin, so ist es mein letzter Wunsch, dass das Geld, welches ich in Hersfeld auf der Sparkasse habe, Schwester Malchen gehört. Dem Waisenhaus in Kassel sendet davon zwanzig Mark für mein Seelengebet. Auch möchte ich Euch bitten, nicht länger als 4 Wochen zu trauern. Seid weiter recht gut gegen arme Leute, wie Ihr es bisher wart. Lasst Euch, Ihr Lieben, nicht der Abschied so schwer fallen, denn Ihr wisst ja, was ich gelitten habe und sterbe gerne, auch haben alle Sorgen dann ein Ende. Dieses habe ich G.s.D. (Gott sei Dank) mit meinem vollen Verstand geschrieben und hoffe, dass es beim Gericht Gültigkeit hat.“

Fast zwei Jahre musste Berta aber noch auf die Erlösung von ihrem Leiden warten, bis sie am 2. Februar 1942 starb. Die Buchenauerin Frau R. erinnert sich noch sehr genau daran, dass ihre Mutter damals den Sarg auf seiner Fahrt mit dem Pferdefuhrwerk zum jüdischen Friedhof in Burghaun ein Stück des Weges begleitet habe. Für das Begleiten einer Jüdin wollte sie die Leiterin der örtlichen NS-Frauenschaft bestrafen, wogegen sich die Mutter energisch gewehrt habe, etwa so: “Wenn Sie nicht sofort die Tür in die Hand nehmen und rausgehen, dann schmeiß ich Sie raus, das war meine beste Freundin, und da werd ich wohl mitgehen dürfen”. Allerdings bekam Berta Rosenstock keinen Grabstein mehr gesetzt, sodass man nicht weiß, wo sich ihre letzte Ruhestätte befindet.

Wie ihre Schwester, so hatte auch Veilchen (Fanny) am 14. Juni 1942 ihr Testament gemacht, da sie sehr krank und bettlägerig war. Notariell vererbte sie im Falle ihres Todes ihren vier Geschwistern ihre kleinen Ersparnisse. In beiden Fällen hatten aber die Erben aufgrund der Naziwillkür nichts mehr von ihrem Erbe, die beiden Testamente wurden erst im Jahr 1947 eröffnet.

Auch für Veilchen Rosenstock kam die Todesstunde nicht so schnell wie erhofft. Sie fand ihre letzte Ruhe nicht mehr auf dem "Guten Ort" in heimischer Erde, sondern starb im fernen Konzentrationslager Theresienstadt, wohin sie etwa elf Wochen später mit ihren Geschwistern deportiert wurde.

 

Deportation

Von dem bevorstehenden Abtransport müssen sie schon gewusst und sich darauf vorbereitet haben. Eine frühere Nachbarin erinnert sich, dass Levi eines Abends noch einmal zu ihrem Vater, der Schuster war, kam und Schuhe brachte. „Er kam abends und hat geklopft. Die Juden durften ja nicht mehr so raus, es war doch schon Sperre (Nazi-Ausgehverbot nach 20 Uhr im Winter / 21 Uhr im Sommer), und weil nebenan in dem Spiegelschloss die SS gewohnt hat, waren sie sehr vorsichtig. Levi kam also mit Schuhen -von jedem der Geschwister ein Paar- und sagte: 'Konrad, wir haben sicher einen großen Marsch vor uns, machst Du mir die Schuhe noch einmal, damit wir gute Schuhe an den Füßen haben!'. Da hat mein Vater gesagt: 'Das mach ich Dir, ich mach sie gleich morgen!' Und da kam er dann am anderen Abend, hat wieder geklopft, und mein Vater hat ihm die Schuhe gegeben. Das weiß ich, weil ich dabei war. Und der Levi hat gefragt: 'Was soll ich zahlen?' 'Nichts', hat mein Vater gesagt, und der Levi hat gedankt und ist fortgegangen. Und da hat mein Vater noch gefragt: 'Wo wollt ihr denn jetzt hin?' - 'Wir wissen es nicht, ich weiß nicht, wann wir abgeholt werden.'

Der Tag der Deportation nach Theresienstadt war der 5. September 1942. Aus erhaltenen Dokumenten lässt sich auf etwa folgenden Ablauf schließen: Die fünf Geschwister Rosenstock hat man am Morgen unter Polizeibewachung zum Eiterfelder Bahnhof gebracht. Ob zu Fuß oder mit einem Fuhrwerk - schließlich war Fanny bereits im Juni krank und bettlägerig - das wissen wir nicht. Die Rosenstocks bestiegen den Zug um 10.41 Uhr ab Bahnhof Eiterfeld, der sie zunächst nur bis Hünfeld fuhr. Dort müssen sie auf den Nachmittagszug gewartet haben, der sie dann um 15.50 Uhr zusammen mit den Leidensgenossen aus den Kreisen Fulda und Hünfeld weiter Richtung Kassel beförderte. Am übernächsten Tag, dem 7. September, startete der Deportationszug ab Kassel ins Ghetto Theresienstadt. - Alle fünf Geschwister wurden Opfer der NS-Mordmaschinerie:

Manchen (Menachem) wurde von Theresienstadt weiter nach Treblinka verschleppt, sein Todesdatum ist der 29. September 1942.

Helene (gen. Lina) wurde von Theresienstadt ebenfalls nach Treblinka deportiert, ihr Todeszeitpunkt ist gleichfalls der 29. September 1942.

Veilchen (gen. Fanny) hat die Strapazen der Verschleppung nach Theresienstadt nicht überlebt, sie starb am 9. September 1942 - entweder noch auf der Fahrt oder gleich nach ihrer Ankunft.

Malchen starb in Theresienstadt am 4. April 1943.

Levi wurde von Theresienstadt weiter nach Auschwitz deportiert, sein Todesdatum ist der 23. Januar 1943.

 

Raub des Vermögens - Ausschnitt aus einer Akte des Finanzamtes
Raub des Vermögens - Ausschnitt aus einer Akte des Finanzamtes

 

Das Haus in Buchenau mit dem zurückgebliebenen Hausrat wurde versiegelt und die gesamte Einrichtung kurz darauf öffentlich versteigert und „verwertet“, wovon auch etliche Buchenauer Gebrauch machten. Die im Grundbuch von Buchenau „eingetragenen Grundstücke sind am 29. Oktober 1942 auf das Deutsche Reich umgeschrieben worden.“ Als wenig später die „Hermann-Lietz-Schule Schloss Buchenau“ das Haus Rosenstock anmietete, war es leer und „ohne jede Einrichtungsgegenstände“, wie der frühere Schulleiter an Eidesstatt erklärte.

Dieses beschämende und traurige Schlusskapitel eines in guten Zeiten auch harmonisch verlaufenen christlich-jüdischen Zusammenlebens markiert das Ende einer alteinge-sessenen und angesehenen Buchenauer Familie – nur weil ihre Mitglieder Juden waren.

 

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