"Hänschen"

Hans Roenstock kam am 16. Februar 1925 in Münster in der Universitäts-Frauenklinik als Sohn der „ledigen Haustochter“ Rosa Rosenstock zur Welt. Rosas Wohnung zu dieser Zeit ist mit Wolbeckerstraße 56 angegeben. Dauer und weitere Umstände ihres Aufenthaltes in Münster sind unbekannt. Tatsache ist, dass Hans bei seinen Großeltern in Buchenau bis zum Jahr 1932 aufwuchs. „Ja“, bestätigte eine frühere Nachbarin aus der heutigen Hermann-Lietz-Straße, „er hat bei denen gewohnt, und die haben ihn auch versorgt, weil Rosa nicht hier in Buchenau war, Rosa ist ja in Frankfurt gewesen. Und der ging auch hier mit uns in die Schule.“

 

 

Eintrag Hans Rosenstock aus der betr. Schülerliste im Schularchiv der Eiterfelder Gesamtschule (Dokumententeile 1-3)

Hans Rosenstock wurde am 15. April 1931 in Buchenau in die dortige Volksschule eingeschult -es muss sich um eine ein-klassige Dorfschule gehandelt haben. Für die Buchenauer Schulkinder war er nur das „Hänschen“, jedenfalls für die größeren Mädchen. Eine von ihnen, die heutige Frau P. (*1919), kann sich noch recht gut an ihn erinnern:

„Wir haben sehr viel Spaß mit ihm gehabt. Er hat seine Oma immer so geärgert. Sie wollte nicht haben, dass ihm etwas passiert, deshalb sollte er nicht fortlaufen. Die Oma hatte ja nun die Verantwortung. Da hat er immer gesagt: 'Jetzt lauf ich fort Oma, so weit ich kann lauf ich fort'. Er wollte zur Mama. Und einmal ist er gelaufen, ein ganzes Stück bis Richtung Bodes, und dort hat er sich hinter einen Busch gesetzt und hat die Oma laufen lassen. Dann hat er gerufen: 'Oma, hier bin ich doch! Ja, er war ein Filou, wenn die Jungens Streiche machten, da hat Hans nicht gefehlt. Wir haben als Kinder immer aufgepasst da oben an der Linde, wenn er der Oma abgehauen war, und meistens kam er ja eher an als die Oma. 'Oma, hier bin ich, Oma hier bin ich', das hör ich heute noch. Wenn er wieder etwas ausgefressen hatte, hat ihn die Oma eingesperrt. Dann haben wir ganz lang gerufen: 'Hänschen komm raus, wir wollen spielen!' Schließlich hat die Oma die Tür aufgemacht und er ist abgehauen. Ja, er war ein großer Wildfang.

Der Opa hat immer im Bett gelegen. Wenn wir ins Haus sind und haben gesagt, Hänschen soll rauskommen, da lag er im Bett oder er hat so einen langen Gehrock angehabt und ist mit dem Stock herumgelaufen. Und die Oma war so ein kleines Frauchen, aber flink war die, sonst hätte sie nicht immer hinter dem Hänschen herlaufen können.

Hänschen ist dann weg, er sollte was lernen. Ich meine, sie hätten gesagt, er wäre nach Frankfurt zur Mutter. Aber dass er tot ist, das weiß ich.“

Da Hänschens Großvater Nathan Rosenstock Darm-krebs hatte, bettlägerig und pflegebedürftig war, kann man sich gut vorstellen, dass Großmutter Henriette mit dem lebhaften Jungen völlig überfordert war. Er sollte aber eine gute jüdische Erziehung und Schulausbildung bekommen. Deshalb gab ihn seine Mutter in das Israelitische Waisenhaus in Kassel, eine Einrichtung, die einen sehr guten Ruf genoss. Dort verbrachte Hänschen die nächsten Jahre bis zum Abschluss der Volksschule.

Er verließ das Heim in der Giesbergstraße am 31. Mai 1939 und begann danach eine Lehre in der Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem bei Hannover. Diese großartige Ausbildungsstätte, die 1893 gegründet worden war, musste am 30. Juni 1942 auf Befehl der Nazis ihre Tore endgültig schließen.

Hans Rosenstock war inzwischen ein junger Bursche von 17 Jahren mit einer guten Schul- und Berufsausbildung, er hätte ein gefragter Gärtner oder Landschaftsplaner werden können. Doch unter dem Naziterror war sein Schicksal vorgezeichnet. Schon seit 1941 wurde die Gartenbauschule in Ahlem von der Gestapo als Sammelstelle zur Deportation jüdischer Mitbürger aus den Regierungsbezirken Hannover und Hildesheim benutzt. 1) Von hier wurden mindestens 2.200 Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager de­portiert.

Unter den hier in den Gewächshäusern zusammengetriebenen Menschen war auch Hans Rosenstock, der einen guten Teil seiner Kindheit in Buchenau zuge-bracht hatte. Sein Name steht auf der Liste des Transportes vom 15. Dezember 1941 von Ahlem in das "Reichsjuden-ghetto" von Riga. Erwiesen ist, dass er ein Opfer des Holocaust wurde, aber wo er starb ist nicht bekannt.

 

 

 

Eingangstor zur früheren Israelitischen Gartenbau-schule, der heutigen Mahn – und Gedenkstätte Ahlem
Eingangstor zur früheren Israelitischen Gartenbau-schule, der heutigen Mahn – und Gedenkstätte Ahlem

 

 

Anmerkung:

1) Die auf dem Gelände der Gartenbauschule zusammengetriebenen Menschen mussten unter den unwürdigsten Bedingungen zum Teil in Gewächshäusern bei klirrender Kälte tage- und wochenlang leben. Sie wurden registriert und Verhören durch die Gestapo ausgesetzt. Ihnen wurden Bargeld, Wertpapiere, Sparkassenbücher und sonstige Wertgegenstände und Schmucksachen abgenommen. Das Gepäck wurde durchsucht, Leibesvisitationen durchgeführt und das "Beutegut" in der Turnhalle gesammelt und später der Oberfinanzdirektion in Hannover ausge­händigt.

Diese und weitere Informationen sind den Veröffentlichungen der Gedenkstätte in Ahlem zu entnehmen. 

 

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