Burghaun


Gesamtansicht vor 1938 – Links neben den Kirchen erkennt man die Synagoge.
Gesamtansicht vor 1938 – Links neben den Kirchen erkennt man die Synagoge.

Aus der Geschichte

Burghaun hat eine lange jüdische Geschichte. Schon in sehr früher Zeit erhielten Juden bei den Rittern von Haune Schutz und Wohnrecht. Die ersten bisher dokumentierten Erwähnungen in der Region entstammen den Jahren 1541 bis 1567. Im Zeitraum 1570 bis 1597 werden etliche Juden namentlich genannt, von denen elf (wahrscheinlich mit Familien) in Burghaun selbst ein unterschiedlich lang befristetes Bleiberecht genossen. Insbesondere nach den großen Menschenverlusten des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) lag es im Interesse der Gebietsherren möglichst schnell wieder neue Steuerzahler zu gewinnen. Wahrscheinlich entstanden zu dieser Zeit feste Judenansiedlungen im Hünfelder Land.

1830, als sich längst eine Synagogengemeinde gebildet hatte, zählte Burghaun 18 jüdische Haushalte mit 81 Personen, darunter neben Handelsleuten und Viehhändlern zwei Lehrer, ein Bauer, ein Hüttner, ein Seifensieder, ein Knecht. Im Jahr 1854 waren von 1243 Bewohnern 137 und 1861 von 1299 Einwohnern 112 Personen Juden. 1875 wuden der königlichen Regierung "122 Seelen" in Burghaun gemeldet. Bis 1905 hatte sich Burghaun mit 164 Personen nach Rhina zur zweitgrößten Judengemeinde im Altkreis Hünfeld entwickelt, nachdem die kleineren Judengemeinden im Umkreis erloschen waren. Burghaun bot den überwiegend Handel treibenden Juden durch seine beiden Bahnstationen (seit 1866 die Bahnlinie Bebra-Hanau, seit 1905 die Haune-Ulster Bahn ins Thüringische) mehr Mobilität in ihrem Gewerbe. 25 jüdische Männer zogen in den ersten Weltkrieg, drei von ihnen starben "fürs Vaterland".

Nachdem in den 20er und frühen dreißiger Jahren eine starke Abwanderung stattgefunden hatte, lebten am 5. Januar 1936 in Burghaun noch 8o jüdische Einwohner. Als die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung immer bedrückendere Formen annahm, suchten viele von ihnen im Ausland Zuflucht, einige glaubten in der Anonymität einer Großstadt wie Frankfurt a.M. überleben zu könnnen.

Ein erster einschneidender Höhepunkt stellte die so genannte "Reichskristallnacht" am 9./10. November 1938 dar.  Die erst 1910 geweihte "Neue Synagoge" wurde durch Brandstiftung vollkommen vernichtet. Die Männer wurden verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verschleppt. Erst nach Monaten kehrten sie heim mit der Aufforderung, nichts über Buchenwald zu berichten und umgehend das Land zu verlassen.  Im November 1939 war die jüdische Gemeinde auf 33 Personen zusammengeschrumpft.

1994 errichtete Gedenktafel im Schlosshof
1994 errichtete Gedenktafel im Schlosshof

Am 8. Dezember 1941 fand die erste größere Deportation von Juden aus dem Altkreis Hünfeld in das "Reichsjudenghetto" von RIGA statt, unter ihnen 16 Menschen aus Burghaun – zehn Erwachsene und sechs Kinder.

Am 5. September 1942 wurden die beiden letzten Burghauner Judenfamilien mit insgesamt 5 Erwachsenen und 5 Kindern über Kassel nach THERESIENSTADT und von dort nach Auschwitz in die Gaskammern getrieben.

Von den zwischen 1933 und 1942 in Burghaun ansässig gewesenen Juden sind mehr als 50 Menschen Opfer der Judenvernichtung geworden.

 

Aus dem Leben der jüdischen Gemeinde

1910 wurde die neue Synagoge in der Ringstraße 12 festlich eingeweiht. Sie stand im Grasgarten hinter der alten Synagoge, einem Lehmfachwerkbau, der längst zu klein und baufällig geworden war und 1912 abgerissen wurde. Die schöne, im maurischen Stil erbaute neue Synagoge bot Platz für 98 Männer und 52 Frauen. Während des Novemberpogroms von 1938 ging sie am Morgen des 10. November in Flammen auf und brannte vollständig aus.

Seit 1847 war man bestrebt die bestehende israelitische Religionsschule unter Leitung von Lehrer Nathan Adler in eine selbständige Elementarschule umzuwandeln, was aber zunächst an einem geeigneten Lehrer scheiterte. Denn Adler war nur Religionslehrer und bereits 64 Jahre alt.

1855 trat schließlich Lehrer Hermann Strauß aus Lohrhaupten seinen Dienst als Elementar- und Religionslehrer an. Bis zu dieser Zeit hatten die jüdischen Kinder am Elementarunterricht in der evangelischen Schule teilgenommen.

Oberschulinspektor Wendel beschrieb 1855 in einem Visitationsbericht die anfängliche Raumsituation der Judenschule so: "Das Lehrzimmer ist so eng, dass die letzte Abteilung keine Tische hat, sondern beim Schreiben die Tafeln auf die Knie legt. Der einzige Ort für die Wandtafel ist so ungünstig, daß wenig darauf zu sehen ist, daher ein anderes Lokal sehr wünschenswert."

Nachdem man sich jahrelang mit ungeeigneten Schullokalen behelfen musste und die Schülerzahl stark angestiegen war, wurde 1883 die neue israelitische Schule in der Ringstraße aufgemessen, die dann etwa ab 1885 bis zu ihrer Schließung 1933 als selbständige jüdische Volksschule diente. Der letzte Elementarlehrer war Berthold Katz aus Breitenbach am Herzberg. Die elf verbliebenen und die fünf in den folgenden Jahren eingeschulten Kinder verteilte man auf die beiden christlichen Konfessionsschulen.

Ab 1.9.1937 wurde die Judenschule nochmals als Bezirksschule genutzt, in die alle noch im Kreis Hünfeld lebenden jüdischen Schulkinder zu gehen hatten.

Schon im Juli 1936 hatte der Burghauner Bürgermeister der Errichtung einer Bezirksschule zugestimmt, weil „durch die Entfernung der jüdischen Kinder aus der Volksschule gerade der Unterricht in Geschichte usw. weithin intensiver betrieben werden kann, als dies in Anwesenheit jüdischer Schüler der Fall ist. Ohne Zweifel bedeuten diese für den Lehrer m. E. eine gewisse Hemmung.“

Der Bürgermeister versäumt es darüberhinaus nicht, seine Abneigung gegen die Errichtung einer jüdischen Bezirksschule zum Ausdruck zu bringen indem er betont, „dass die Gemeinde keinen besonderen Wert auf einen derartigen Zuwachs legt.“

In der "Reichskristallnacht" verwüsteten wildgewordene Nazis den Schulsaal völlig, sodass Unterricht hier nicht mehr stattfinden konnte. Im März 1939 unterrichtete Lehrer Hermann Adler reihum in Privathäusern noch vier Kinder.

 

Der große jüdische Friedhof in Burghaun, der bereits seit 1690 besteht, war Zentralfriedhof für sämtliche Judengemeinden (außer Mansbach) des Hünfelder Landes. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts legten die Gemeinden Erdmannrode, Langenschwarz, Rhina und Wehrda eigene Begräbnisplätze an. 

Auf dem ältesten Teil des jüdischen Friedhofes in Burghaun
Auf dem ältesten Teil des jüdischen Friedhofes in Burghaun

 

Ausführliche Informationen in:

Jüdisches Leben im Hünfelder Land - Juden in Burghaun, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2008, erhältlich bei der Marktgemeinde Burghaun

 

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