Die jüdischen Gemeinden im Altkreis Hünfeld

Zur Geschichte der Juden im Altkreis Hünfeld

Im Altkreis Hünfeld hatten im Laufe ihrer Geschichte 12 Orte jüdische Bewohner und spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts selbständige Synagogengemeinden. Dazu gehörten: Buchenau, Burghaun, Eiterfeld, Erdmannrode, Hünfeld, Langenschwarz, Mackenzell, Mansbach, Rhina, Rothenkirchen, Steinbach und Wehrda. Da die Lebensbedingungen, die man als „Schutzjude“ vorfand, durchaus von Herrschaft zu Herrschaft unterschiedlich waren, unterlag die Zahl der jüdischen Bewohner der einzelnen Orte ent­sprechend starken Schwankungen.

Mit der zunehmenden bürgerlichen Gleichstellung seit etwa 1813 bekamen die Juden schließlich das Rech­t, Grund und Boden zu erwerben, was es ihnen endlich ermöglich­te, sesshaft zu wer­den. Wahrscheinlich war das ein wichtiger Grund dafür, dass die Zahl der Juden im Hünfelder Land bis 1842 deutlich anstieg. Auch nahmen die hier in großer Zahl ansässigen Ritter und adeligen Familien gern Juden in ihre Dienste auf.

Der Anteil der Juden an der Gesamt­bevölkerung war im Altkreis Hünfeld ‑Gebiet der Ritterschaft‑ stets überdurchschnittlich hoch, verglichen mit anderen Gebieten in Deutschland. Trotzdem stellte auch hier die jüdische Bevölkerung mit Ausnahme von Rhina eine Minderheit dar. Rhina war der einzige Ort in Preußen mit zeitweise mehr als 50% jüdischer Bewohner.

Um die Mitte bis Ende des 19. Jahrhun­derts zogen zahlreiche jüdi­sche Einwohner in größere Städte oder wander­ten nach Ame­rika aus. Zwar hielt die Abwanderungsbewegung an, verstärkte sich aber erst in den Jahren der NS-Herrschaft 1933-1945 aufgrund der Judenverfolgung dramatisch. Nach dem 5. September 1942 lebten keine Juden mehr im Kreis Hünfeld.

 

Entwicklung der jüdischen Be­völkerung in den einzelnen Orten des Altkreises Hünfeld
Entwicklung der jüdischen Be­völkerung in den einzelnen Orten des Altkreises Hünfeld

Den Juden in Deutschland als einer kleinen Minderheit war jahrhun­dertelang bis zu ihrer rechtlichen Gleich­stellung im 19. Jahrhundert der Zugang zu fast allen Berufen verwehrt. Sie konnten keine Bauern sein, da ihnen der Besitz von Grund und Boden ver­boten war. Sie konnten kein Hand­werk ausüben, da ihnen die Zu­gehörig­keit zu den Zünften versper­rt war. Auch staatliche oder kom­munale Beru­fe waren ihnen ver­schlos­sen. Es gab für die breite Masse fast nur die Möglich­keit, sich eine Tätig­keit im Bereich des Handels zu suchen, allerdings nur an Orten, wo ent­we­der keine Zünf­te exi­stier­ten oder wo diese sie duldeten. Eine solchermaßen den Juden aufgezwungene einseitige Berufsstruktur führte im ländlich kleinen Raum naturgemäß zu starker Konkurrenz untereinander und folglich zu einer breiten wirtschaftlichen Verarmung.  Der Handel umfasste auch den Geldverleih, der übrigens ebenfalls von Christen ausgeübt wurde. Aber dieses Gewerbe, im Blick auf die Juden von der christ­li­chen Umwelt verächtlich als 'der Wuch­er' bezeich­net, war ein ge­fähr­liches Hand­werk, wenn es „nicht durch kostba­re Pfänder gesi­chert war. Es wurde darüber gewacht, dass ein offi­zieller Zins­satz nicht über­schritten wurde. Das Risiko für die jüdischen Geldver­leiher war bei ihrem unsicheren Sta­tus mit einer Kündigungs­frist des Schutzbriefes von oft nur einem Jahr sowie der dauernden Gefahr ille­galer Vertreibun­gen außerordent­lich groß."

Im 19. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein spielte in den Dörfern des Hünfelder Landes neben dem Handel mit allerlei Krämerwaren, Fellen, Häuten, Wolle und Federn, der Viehhandel die größte Rolle. Von den erwerbstätigen Juden im Kreis Hünfeld waren 1864 die meisten als Händler oder Handelsgehilfen tätig, was im Wesentlichen in den nachfolgenden Jahrzehnten auch so blieb.

Mit der zunehmenden Industrialisierung, von der die Juden als erfahre­ne und flexible Handelsleute zunächst stärker profi­tier­ten als ihre christlichen Mitbewohner, entstanden neben den Handels­betrieben im Umherziehen in einzelnen Orten auch jüdi­sche La­den­ge­schäfte, besonders in der kleinen Kreisstadt Hünfeld.

 

Obwohl es den Juden im 19. Jahrhundert durch die Emanzipationsgesetze nach und nach rechtlich möglich wurde, auch andere Berufe zu ergreifen, ver­harrten die meisten Landjuden zunächst in der jahrhundertelang einge­übten Praxis der Han­delsberufe. Hierzu hatte die christliche Umwelt durch ihre misstrauische und oft feindselige Haltung nicht unwe­sentlich beigetragen. Erst die Angehörigen der letzten hier lebenden Generation strebten zunehmend auch in andere Beschäftigungszweige.

Annoncen jüdischer Kaufleute
im Hünfelder Kreisblatt
der Jahre 1879 - 1933

Die Reichsgründung 1871 brachte den Juden die endgültige Gleichstellung mit den übri-gen Bürgern, wovon sie als Mitglieder in Gemeindeverwaltungen und den örtlichen Vereinen rege Gebrauch machten. Von den jüdischen Männern aus dem Kreis Hünfeld, die in den ersten Weltkrieg zogen, starben 27 "fürs Vaterland".

 

Obgleich das Zusammenleben von Christen und Juden bis zum Beginn der Nazi-Herrschaft als überwiegend friedlich erlebt wurde, fand seit den 1920er Jahren eine deutliche Abwanderung statt, die sich durch den Terror der NS-Verfolgungszeit weiter verschärfte.

Zählte man 1934 noch 476 jüdische Einwohner im Kreis,  so war ihre Zahl im November 1939 auf 64 zusammengeschrumpft. Von ihnen wurden 26 Personen am 8. Dezember 1941 über Kassel nach RIGA in das sog. Reichsjudenghetto deportiert. Am 5. September dann wurden die letzten noch hier verbliebenen Juden von ihrer Wohnung aus über Kassel in das überfüllte Ghetto THERESIENSTADT verschleppt.

154 Menschen jüdischen Glaubens aus dem Kreis Hünfeld kamen im Holocaust ums Leben - verhungert in Theresienstadt, an Auszehrung und Entkräftung gestorben, erschossen, ermordet.

 

Quellen:

Für die nachfolgend in Kurzform beschriebenen jüdischen Gemeinden des Altkreises Hünfeld wurden u.a. als Quellen ausgewertet: Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen, Bd. 1 u. 2 (1971), Bd. 3 (1973) sowie: Elisabeth Sternberg-Siebert: Jüdisches Leben im Hünfelder Land - Juden in Burghaun, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2008