Katharina Maul erzählt von den Juden in Wehrda

„Nach meinen Erinnerungen, aus Dokumenten und Erzählungen“

Familien Moses Stern und Sally Adler

Familie Moses Stern


Elternhaus von Katharina Maul geb. Diehl, früher Haus der Familie Moses Stern – links im Jahr 1930, rechts heutige Ansicht.

Fotos: Sammlung Karin Billing, Wehrda

 

"Mein Vater Johannes Diehl kaufte das Haus in der Hohenwehrdaer Straße und 1,25 Hektar Land dazu von den vorhergehenden Besitzern, der Familie des Pferdehändlers Moses Stern (1907 verstorben). Im Jahre 1908 zog die jüdische Familie Stern nach Amerika. Ich kann mich erinnern, dass in meiner Kindheit noch ein großes Bild von Sterns im Haus hing: "Pferde zur Messe ziehen". In dem Haus war auf der rechten Seite von der Haustüre im Parterre der Stall, anschließend daran stand die Scheune. Denn zu den meisten Judenhäusern gehörte auch eine kleine Landwirtschaft. Mit den Ernteerzeugnissen wurden die eingekauften Tiere, die oft weit herunter gekommen waren, wieder gut gefüttert und dann weiter verkauft. Daran verdienten die Juden dann – Viehhändler war ja ihr Beruf. Zu den landwirtschaftlichen Arbeiten nahmen sie gegen Bezahlung christliche Mitbürger in Anspruch. Meine Mutter half auch mit, wenn die großen Wiesen mit der Sense zu mähen waren. Frühmorgens um vier Uhr ging es los bis um acht Uhr, dann wurde es manchmal schon heiß. Es war eine anstrengende Arbeit.

 

Zwischen meinem Elternhaus und dem gegenüber liegenden Haus von Mohrs war ein Draht über die Straße in einer gewissen Höhe gespannt, damit die höheren Erntewagen darunter durchfahren konnten. Höhere Lastautos sah man noch nicht so viel. Wir nannten den Draht "Judendraht".

Der Sabbat begann am Freitagabend vor Sonnenuntergang und endete wieder am Samstagabend nach Sonnenuntergang. In dieser Zeit durften die Juden nicht weiter gehen als bis zu dem Draht, wenn sie Geld in der Hosentasche trugen.

 

Ich sehe heute noch die Juden vor mir: Sally Plaut und Sally Adler wie sie 1933 unter dem Kommando einer SS-Abteilung den Draht bei unserem Haus entfernen mussten. Sie haben vor lauter Angst gezittert. Sie warfen dann schnell den Draht in unseren Garten und baten meinen Vater: "Hans, mach bitte den Draht weg." Mein Vater war in keiner Partei und noch nicht so aufgehetzt gegen die Juden."

 

 

Grabstein von Moses Stern – Die Inschrift auf der Rückseite lautet:
Grabstein von Moses Stern

Inschrift auf der Rückseite:

Hier ruht unser innigst geliebter Gatte und Vater Moses Stern, geb. 16. Juli 1835 gest. 27. Febr. 1907. Ruhe in Frieden

Foto: E. Sternberg-Siebert

 


Familie Sally und Fanny Adler

"Mein Vater besuchte nach 1933 immer noch durch die Hintertüre die Familie Adler. Es war verboten in Judenhäuser zu gehen. Die Juden durften auch nicht in unsere Häuser kommen. Der Sally Adler wurde Eisensally genannt, weil er Herde, Öfen und Gegenstände aus Metall verkaufte für die Landwirtschaft. Er besaß auch ein kleines Pferd mit Wagen und fuhr damit in die Nachbardörfer und verkaufte seine Ware. Seine Frau hieß Fanny. Meine Mutter steckte meinem Vater immer einige Hühnereier für Adlers in seine Tasche. Wir sagten als Kinder zu ihnen: 'Das ist verboten'. In der Schule wurden wir schon entsprechend unterrichtet. Es geht so lange, bis du mal eingesteckt wirst. Vater antwortete darauf: 'Ihr werdet schon sehen, wie weit ihr mit eurem Hitler kommt.' Er arbeitete früher in Westfalen als Maurer und war für die SPD eingestellt.

Sally Adler war im ersten Weltkrieg von 1914-1918 Kriegsteilnehmer und hatte auch das EK 1 bekommen. Von meinem Onkel Schott hatte ich dieses erfahren. Sie waren Kriegskameraden. Vor 1933, wenn Onkel und Tante von Immichenhain ihren Urlaub in Wehrda verbrachten, haben sie die Familie mit ihrem Sohn Ferdinand besucht. Ferdinand, geboren im Jahre 1922, war zu Hause immer ein schlechter Esser, aber wenn es bei Adlers frische Brötchen mit Butter und Marmelade gab, hatte er drei Stück verdrückt. Da sagte die Fanny manchmal zu meiner Tante Liesel: 'Du sagst immer, der Junge isst schlecht, bei uns schmeckt es ihm ganz gut.' Das hatte Tante Liesel oft erzählt.

Die Adlers wohnten in einem kleinen Haus bei der Gastwirtschaft Lotz gegenüber. Mein verstorbener Mann Karl war in den 30er Jahren Knecht bei Lotze. Morgens hat sich die Fanny öfters beschwert, denn in der Nacht hatten Jugendliche wieder Fensterscheiben am Haus eingeworfen. Sie hatten dann meistens die Holzschallen zu. Die Judenfamilien hatten dann nur eine bestimmte Zeit, wann sie bei Wenzels oder Ohlendorfs einkaufen durften. Manche Nachbarn steckten ihnen auch koschere Nahrung heimlich zu. Es wurde an einem vereinbarten Ort hingestellt und dort von der Judenfamilie abgeholt.

Haus der Familie Sally und Fanny Adler - Foto: Sammlung Karin Billing
Haus der Familie Sally und Fanny Adler - Foto: Sammlung Karin Billing

Die Familie Adler wurde als letzte Familie im September 1942 abtransportiert, als unbekannt verzogen, zum Zug an den Bahnhof in Neukirchen gebracht, von dort ging es in große Vernichtungslager. Ich kann mich noch erinnern, mein Vater und ich waren am Feld vor dem Wehrdaer Sportplatz, 'am Standrot' genannt, wir machten das Land zurecht zum Säen:

Da kam vom Dorf her gefahren ein kleiner Spazierwagen mit einem Pferd. Geleitet wurde es von einem polnischen Kriegsgefangenen, der bei dem Bürgermeister Gerlach im Dienst war. Auf dem kleinen Wagen, eng aneinander geschmiegt, saßen die beiden alten Leutchen Sally und Fanny Adler. Als sie auf der Straße bei uns vorbeifuhren, winkten sie meinem Vater zum Abschied zu. Er winkte zurück. Ich sah, wie er Tränen von seiner Wange abwischte. Es ging mir damals sehr nahe, aber wir konnten nichts dagegen tun. Die beiden winkten noch lange zurück, bis sie um die Kurve beim Sportplatz aus unserem Augenlicht verschwanden.

Fanny und Sally Adler hatten einen Sohn, Albert. Er war im Jahre 1913 geboren. Im Dorf wurde er Abbes genannt. Er war schon früher nach Haifa nach Palästina ausgereist. Nach dem Krieg war er noch einmal nach Wehrda gekommen und wollte wissen, wo seine Eltern geblieben sind.

Man konnte es ihm nicht sagen, man wusste es ja nicht. Wir sagten nur: 'Warum hast du sie denn nicht nachgeholt.' 2) Er hatte dort in der Landwirtschaft gearbeitet. Seine Mutter Fanny hatte meinem Vater mal eine Fotografie gezeigt, darauf war er mit einem kleinen Schaf abgebildet. Neben dem Wohnhaus in Wehrda war auch eine kleine Scheune und ein Stall angebaut. Nach dem Jahr 1942 hat man nichts mehr von der Familie Adler gehört. Das Haus hat Albert an die Nachbarfamilie Röll verkauft. Die heutige Besitzerin ist Brigitte Abel, geborene Röll.

 zurück...

Die Familien Moses Stern und Sally Adler
Aufgeschrieben im Jahr 2007 von Katharina Maul, bearbeitet und ergänzt von Elisabeth Sternberg-Siebert
Fam.Stern.Adler.pdf
Adobe Acrobat Dokument 333.7 KB